Pusteblume

Hinterland

ART NEWS

2012

Kunstverein Hinterland

2011

Vienna Design Week 2011

2009

walking landscapes

dancing skirts

Brauhaus Linz

2008

walking skirts

ORIENTIERUNGEN: regionale08

 

 

Kunst und gute Mode

Zur Kollektion von Hinterland

 

Wenn etwas – jenseits des Körperlichen – „nur schön“ ist, steht es zunächst (zurecht) unter Verdacht, belanglos zu sein. Angenehme Bildassoziationen wie jene von „heiler Welt“, Nostalgiegefühle oder einfach rein formale Ästhetik vermögen das emotionale Empfinden zu reizen, jedoch kaum das kritische. Fotografische Wiedergaben gefälliger landschaftlicher Motive würden dieser Vorstellung mit Sicherheit entsprechen und im Allgemeinen als banal – eben als Kitsch – empfunden werden.

Die Kollektion der Damenröcke des Labels Hinterland sieht auf den ersten Blick wie Mode aus. Eigentümliche Muster, reduzierte Schnitte – aber diese heimatkitschigen Bildaufdrucke?

Die Motive auf den Röcken der Serie sind geradezu archetypische Veduten. Heidi, Sound of Music, schlicht „Heimat“, Reproduktionen von Wirklichkeit, die es so nicht gibt und nie gegeben hat, in der wir uns aber dennoch heil und glücklich glauben. Dadurch, dass hier dieser Archetyp zum Stereotyp übersteuert wird, eröffnet sich jedoch umgehend ein Raum für Projektion. Gebirgspanoramen und blumige Almwiesen können dabei eine triviale Darstellung sehnsuchtsartiger Gefühlsausdrücke sein, gleichzeitig aber eben auf etwas anderes, Komplexeres, verweisen. Vorausgesetzt es hat nicht nur mit Mode zu tun, sondern auch mit Kunst.

Tatsächlich entstammt das Projekt Hinterland weder einer Tradition gelernten Schneiderhandwerks noch der Kreativprozesse großer Modeschulen, sondern hat sich – aufgrund der Tätigkeiten der Protagonisten – direkt im Umfeld von Design, Architektur und Kunst entwickelt.

Denn Kunst stellt wohl das alleinige Ausnahmefeld dar, in welchem Kitsch mitunter als das Gegenteil dessen gelesen werden kann, was es in Wirklichkeit ist, als Kritik oder Ironie, als eine politische Aussage. In Zeiten tieferer sozialer und wirtschaftlicher Verunsicherung, dem Auflösen nationaler Identitäten bei gleichzeitiger Diffusion eines Heimatbegriffes sowie der ziellosen Debatte darum, klammern wir uns nur allzu gerne an das augenscheinlich Wohlbekannte. Der Idealtypus der Vertrautheit und Urtümlichkeit, der Klapotetzklang einer kollektiven Kindheit – nun können wir mit diesen Bekleidungsstücken jenes Bild auch noch „zur Schau tragen“.

Ein Phänomen, welches irgendwie an das T-Shirt erinnert, dass mit seinen aufgedruckten Bildern und Statements zum Instrument des Widerstandes einer globalen Jugendbewegung seit den 60er Jahren bis heute geworden ist.

Kleidung als Demonstration, Textil als Politikum.

Die europäische Textilindustrie zu Beginn des 21. Jahrhunderts kann wohl getrost als der Paradeverlierer des totalen globalen Kapitalismus bezeichnet werden. Nun wird der ironische Umstand, dass die verwendeten Druckmotive sich nicht nur der Ikonen schützenswerter Idealressourcen (Gebirge, unberührte Natur, Wasser usw) bedienen, sondern dass die Kleidung selbst quasi inmitten dieser Landschaft produziert wird (Vorarlberg, Steiermark), zu einem Statement, wenn nicht sogar zu einer politischen Handlung. Das aufwendige und hochqualitative Druckverfahren, die verwendeten Stoffe und die Verarbeitung als Einzelstücke machen die Röcke unter globalisierten Gesichtspunkten im Grunde konkurrenzunfähig. Dieser „unwirtschaftliche“ Prozess bekommt somit erst seinen notwendigen Sinn, wenn er als kritische Behandlung der besprochenen Phänomene betrachtet werden kann. In weiterer Folge erlaubt die Vorstellung der Röcke nicht nur als Bekleidungsobjekte , sondern ebenso als eine „künstlerische Edition“ ein Verständnis dafür, mit welchen Methoden die entscheidenden Schritte gesetzt werden. Mit Überhöhung, Ironie und Witz aber auch Reminiszenzen an gegenwärtige gesellschaftliche Tendenzen. Allesamt Methoden der Kunst.

Darauf dass Hinterland im Grunde ebenso mit Kunst wie mit Mode zu tun hat, verweist auch die nicht zufällig getroffene Entscheidung, die erste Präsentation dieser Serie in der Grazer Galerie Patrick Ebensperger, einem ausgewiesenen Ort für Gegenwartskunst, stattfinden zu lassen.

In einer Kunstgalerie wird bekanntermaßen über jedes Ding sofort und automatisch anders gesprochen als irgendwo sonst. Dieser Umstand soll aber nicht zu Interpretationswillkür verleiten und ein Rock bleibt zunächst mal immer noch ein Rock. Wenn sich aber in einem Stück Stoff Sinn und Form zu einer Einheit verbinden, besprochene kritische Inhalte und Produktionsbedingungen in Bekleidung verdichten können, dann hat es eben unterm Strich viel mit Kunst und vielleicht doch ein bisschen mehr mit Mode zu tun. Denn im Gegensatz zu guter Kunst sollte gute Mode auch noch gut aussehen.